Am Sonntag wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Hinter uns liegen Monate voller harter Auseinandersetzungen, lauter Vorwürfe und zugespitzter Positionen auf allen Seiten. Ich merke selbst, wie erschöpfend diese Zeit war. Doch am Tag nach der Wahl wachen wir alle in demselben Land wieder auf. Gewinner und Verlierer sind dann wieder das, was wir auch vorher schon waren: Nachbarn am selben Gartenzaun, Kollegen in derselben Schicht, Eltern auf dem gleichen Schulhof…
Ich ertappte mich in diesen Wochen oft genug selbst dabei: Wenn ich Debatten verfolgte, spürte ich diese schnelle Gewissheit in mir. Ich bin mir felsenfest sicher, auf der richtigen Seite zu stehen – und neige dazu, die Argumente der anderen schnell als dumm, stur oder gar gefährlich einzuordnen. Das ist menschlich. Und es gibt ein beruhigendes Gefühl.
Aber wenn ich ehrlich zu mir bin, beginnt genau da mein eigener blinder Fleck. In dem Moment, in dem ich aufhöre, mich selbst zu hinterfragen, rücke ich denen, von denen ich mich so dringend abgrenzen möchte, erschreckend nah. Denn auch „die anderen“ handeln aus der tiefen Überzeugung heraus, das Richtige zu tun.
Für mich liegt der Weg nach der Wahl nicht in großen politischen Rezepten, sondern im Mut zum eigenen Zweifel. Ich versuche mir deshalb immer öfter selbst die Frage zu stellen: Wie sicher bin ich mir eigentlich, dass nur ich recht haben kann?
Sobald ich mir eingestehe, dass meine eigene Perspektive unvollständig ist, verändert sich mein Blick. Aus einem politischen Andersdenkenden wird wieder ein Mensch mit einer eigenen Geschichte.
Gleichzeitig spüre ich für mich aber auch eine ganz klare Grenze. Mein Wunsch nach Gespräch und Verstehen bedeutet nicht, dass für mich alles beliebig wird. Jeder Mensch – absolut jeder – besitzt eine unantastbare Würde. Wenn ich erlebe, dass Menschen entwertet, ausgegrenzt oder an den Rand gedrängt werden, endet für mich das Verständnis. Wer anderen die Dazugehörigkeit abspricht, verlässt den Boden, auf dem wir überhaupt miteinander reden können.
Ich muss weder meine Haltung aufgeben noch alles richtig finden, was andere denken. Aber ich möchte versuchen, der Verlockung zu widerstehen, Andersdenkende sofort als Gegner zu sehen – solange wir diese Grundregel der Mitmenschlichkeit teilen.
Gedanken zum 14. Sonntag nach Trinitatis von Pfarrerin Jana Büttner, Gefängnisseelsorgerin in der JVA Burg