AN(GE)DACHT
zum Letzten Sonntag nach Epiphanias

Lebensfreude

Lebensfreude ist ein hohes Gut. Was überwiegt in unserem Leben? Gab es mehr gute oder schlechte Tage. Bei einer Andacht im Seniorenheim vor einigen Jahren habe ich diese Frage gestellt und tatsächlich kam die Antwort: Die guten Tage und Jahre waren in der Überzahl.

Auch mancher Pessimist sieht bei einem ehrlichen Rückblick auf sein Leben, dass es mehr gutes als Schlechtes gab. Lebensfreude gibt es sogar in Kriegszeiten oder im Gefängnis. Ein Freund von mir war zu DDR-Zeiten wegen versuchter Republikflucht zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Mit 20 anderen Gefangenen musste er sich einen Raum ohne Toilette teilen. Für die Verrichtung der Notdurft gab es nur einem Kübel mit Deckel. Am Tage Schwerstarbeit beim Gleisbau und wenig Nahrung. Das zehrte auch an seiner Gesundheit. Bei seiner Entlassung musste er unterschreiben, dass er gesund sei und niemanden etwas über die Haftbedingungen erzählen würde.

Und trotzdem gab es auch in diesen schweren Jahren Minuten, Stunden der Freude und des Lachens. Vielleicht erinnert sich auch mancher an einen Krankenhausaufenthalt mit vielen guten Erfahrungen und mancher Freude.

Auch der Spruch unserer Kirche für den Monat Februar will uns zur Freude ermutigen. Im Alten Testament ( 5.Mose 26,11 ) lesen wir den Satz: „Du sollst fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der Herr, dein Gott, dir und deiner Familie gegeben hat.“

Ich denke, wir alle brauchen immer wieder diese Ermutigung, uns auf das Gute und Frohmachende in unserem Leben zu besinnen. Viele Menschen nehmen ja das Angenehme in ihrem Leben als ganz selbstverständlich hin. Die warme Wohnung, das reichliche Essen, die Gesundheit, eine liebevolle Familie, das ist doch normal, oder? Kein Grund darüber nachzudenken oder gar Gott dafür zu danken. Erst wenn es anders kommt, wird manch einem bewusst in welchen Reichtum er gelebt hat.

Und erst dann bekommt manch einer auch die Augen für die Not anderer geschenkt. Und wieviel Not verschulden wir selbst, weil wir das Hilfsangebot von Gottes guten Ordnungen übersehen und missachten. Ich bin jeden Tag aufs neue dankbar, dass meine Eltern mich in die Geborgenheit der Treue Gottes und seiner guten Ordnungen mit hineingenommen haben. Was für ein Geschenk, sich von Gottes Liebe getragen fühlen zu dürfen und alles Gute und Schöne dankbar genießen zu können!

Gedanken zum Letzten Sonntag nach Epiphanias von Pfarrer i. R. Wilfried Neugebauer